„Ich liebe es, wenn eine Idee funktioniert“ schreibt Jan auf seiner Internetpräsenz. Das ist für den 35-jährigen Texter, Konzepter und Chefredakteur von ABOUT GREAT PEOPLE nicht nur ein hübsch klingender Spruch und die Reminiszenz einer Jugend mit dem A-Team. Die Idee, dass alles geht für die Gute Sache – vor allem gemeinsam, und das gern auch umsonst –, die ist hängengeblieben. Und so setzte er diese Philosophie im Jahr 2006 in die Tat um.
Initialzündung war für Jan seine damalige stadtbezogene Langeweile. In Basel gestrandet und unzufrieden mit dem Stillstand vor Ort, gab es für ihn nur zwei Möglichkeiten: Entweder er ändert die Stadt zum Guten, oder er zieht in eine Stadt, die er für gut befindet. Jan hat sich für die erste Variante entschieden und gründete mit einigen Schweizern das Revier REH4, eine Baseler Vereinigung aus Off Space-Galerien, independent Labels und Bars. Ein Zusammen-schluss, um der als Schlafstadt nicht zu Unrecht verrufenen Rheinmetropole neues Leben einzuflößen. Dafür wurde, na klar, Geld gebraucht.
Überzeugt von der REH4-Intention und abgeschreckt von langen Bürokratie Schleifen über Schweizer Ämter oder Stiftungen, die als mögliche Förderer in Frage kamen, musste eine schnelle Finanzierungsidee her. So wurde vor knapp drei Jahren im Kleinbasel, dem upgefuckten Teil Basels, TRINKENHILFT geboren. „In einer abgerockten türkischen Kneipe, die wir eher aus Not gekapert hatten. – Es war die einzige Bar der Stadt, die bis in den nächsten Tag ausschenkt. – Alle feierten, tanzten, tranken. Das brachte Spaß – und dem Pächter Geld. Wir diskutierten uns wieder einmal die Köpfe heiß über Ideen und Projekte. Und darüber, dass in der Schweiz, einem der wirtschaftlich reichsten Land der Welt, viel Geld für alles Mögliche fließt. Nur nicht für uns. Vor lauter Lärm hätten wir fast die Idee verpasst, aber da war sie: TRINKENHILFT. Wir feiern ja sowieso – und in Zukunft also auch für uns selbst.“
Der Besitzer eben dieser Bar, der Friendsbar, war schnell gewonnen für die Idee. Der Deal: „Wir machen dem Wirt den Laden voll, und sind dafür zu 20% am Umsatz des Abends beteiligt.“ freut sich Jan über die Einfachheit seiner Idee. In der Bar, die mittlerweile nicht mehr aus der Baseler Szene wegzudenken ist, spielten am ersten TRINKENHILFT-Abend eine Trash-Punk-Band aus Freiburg, eine Bauchtänzerin tanzte und DJs legten auf – alle ohne Gage, für die Idee. Jetzt, drei Jahre später, ist die Bar Kult und TRINKENHILFT weiter.
Das Projekt feiert, wo immer es gebraucht oder gefordert wird. Für Projekte wie das REH4, Ping Pong, das Schweizer Straßenmagazin SURPRISE, die Leipziger Photo Biennale sowie für das Lettisch-Schweizer Kunstprojekt Showroom in Riga und die Klima-Piraten in Berlin.
Inzwischen ist Jan wieder in Hamburg heimisch. Und so zieht das Projekt weiter in die Hafenstadt an der Elbe. Für den 35-jährigen Wahlhamburger kommt TRINKENHILFT damit endlich in der richtigen Stadt an. „Hamburg wirkt zwar immer ein bisschen ruhiger, ist aber eigentlich hektisch, weil alle so eingespannt sind in ihren Projekten. Es gibt hier so viele Menschen, die Lust haben, etwas zu tun.“ meint Jan.
Und wenn es Trinken für den guten Zweck ist. Oder „sollte jemand nackt durch die Stadt laufen wollen, als Statement, aber ihm fehlt das Geld für die Strafe, dann trinken wir für ihn. Eine Ausstellung, Kunstprojekt, Festival. Gut ist, was anders ist. Denn alles andere ist bereits da.“ findet Jan. Und so erklärt sich auch das neueste Projekt: Kongress für Anders. Die Macher: Claudia Fischer-Appelt, Lars Kreyenhagen, Louise Täuber und Jan Knopp. Ein Festival mit Kunst, Musik, Design, Theater, Film und Literatur, dessen Gewinn zum Großteil an das Medibüro, eine medizinische Vermittlungs- und Beratungsstelle für Flüchtlinge und Migranten, geht. Vom 23. bis zum 30. April wird das Alte Michaelis Krankenhaus in Hamburg bespielt. Wie es vor dem Kongress dort aussieht, seht Ihr hier:
Die „TRINKENHILFT dem Kongress für Anders-Party“ findet also am Freitag, den 16. April in einer ganz besonderen Location statt: dem SV Polizei, Sternschanze 4, Hamburg. Das Vereinsheim wird die Party beherbergen. Warum gerade dort für das Anderssein getrunken wird? Jan weiß: „Das Projekt läuft am Besten, wenn man ungewöhnliche Orte bespielt. Wenn die Atmosphäre nicht mit den allgemeinen Partys vergleichbar ist. Wenn es sich eben anders, – also besonders– anfühlt.“
Das Festival ist ein Experiment. Vier Stationen, 40 Zimmer auf 2000 Quadratmetern stehen zur Verfügung und sind frei bespielbar. In nur sechs Wochen ist eine Plattform für kreative Möglichkeiten entstanden – frei von Kontexten, Zuständigkeiten und Zwängen: Freiheit als schnelle Selbstheilung und keine Angst vor dem Anderssein. Das Programm wird immer vielfältiger und ändert sich im Moment noch täglich. Und natürlich fehlt wie so oft noch das Geld, was also ist naheliegender als für das eigene Projekt, das eigene Projekt einzuspannen?
TRINKENHILFT versteht sich als Ermöglicher. Jan selbst verdient nichts an den Veranstaltungen: „Der Lohn ist, wenn die Idee umgesetzt werden kann – und der Spaß an der Sache!“ Ein paar Freigetränke für den TRINKENHILFT-Papa sollten aber drin sein. Ansonsten geht es ihm um das Kennenlernen der Menschen, die so getrieben sind, wie er selbst. Die das Leben nicht als Problem sehen, dass gelöst und verwaltet werden will. Sondern als Chance, sich selbst umzusetzen. Und die eigenen Ideen sind eben ein großer Teil davon.
TRINKENHILFT stellt das Netzwerk, hilft bei der Werbung, Verhandlungen, DJ- und Bandsuche und der Veranstaltung selbst. Das Flyern, Plakate hängen – also ein Großteil der Arbeit – liegt beim Günstling selbst. Schließlich ist es seine Idee. Und von seinem Einsatz hängt auch der Erfolg ab. Es wird zu seinen Gunsten getrunken und je mehr durstige Förderer er an die Bar bringt, desto besser hilft's. Ganz egal,ob nun alle Bier oder Wasser trinken.
Hast Du eine Idee, die Dir auf der Seele liegt, im Hirn klemmt oder jede Nacht kurz vorm Einschlafen Herzrasen verursacht? Dir fehlt einzig und allein Geld für die Umsetzung? Dann hin am 16. April zum SV Polizei oder schicke eine Mail an prost@trinkenhilft.org. Vielleicht findet die nächste Trinkenhilft-Party bereits für Deine Idee statt. Und wir, das Magazin ABOUT GREAT PEOPLE, sind so begeistert von der Idee, dass wir davon berichten.


TEXT: MAREICE KAISER, FOTO: KNUTH ETTLING
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